Page 32 - Magazin "Bei uns in NRW" 01/2020
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 20 | Im Visier
 100+x Tage „Walter & Eskia“
Von Henrik Bröckelmann
In die „neue Zeit“ wollten sie die SPD führen. „Aufbruch“ statt „Weiter so“, hatten sich Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans nach ihrer Wahl auf dem SPD-Parteitag am 6. Dezember 2019 vorgenommen. Übriggeblieben ist davon nicht viel. Dabei hat- ten die Schwarzwälderin und der Rheinländer im parteiinternen Wettstreit noch damit geliebäugelt, aus der Großen Koalition aussteigen zu wollen. Nicht zuletzt wegen dieser Ansage hatten sie den zweiten Wahlgang des Mitgliederentscheids gegen das Duo Scholz/Geywitz mit 53,1 Prozent zu 45,3 Prozent gewonnen. Die beiden Parteilinken konnten sich dabei gegen das geballte Parteiestablishment und die Mehrheit der Abgeordneten in der Bundestagsfraktion durchsetzen. In der Fraktion waren vor der Entscheidung harsche Stimmen zu hören. Man werde sich von denen gar nichts sagen lassen. Gar das Wort „Bürgerkrieg“ soll gefallen sein. Gemessen daran ist es bisher ruhig geblieben in der SPD.
Wer sind die beiden überhaupt?
Der eine, Norbert Walter-Borjans, war eigentlich schon Po- lit-Rentner. Bei der Landtagswahl 2017 hatten die nord- rhein-westfälischen Wähler den Finanzminister gemeinsam mit Hannelore Kraft in den Ruhestand geschickt. Gleich drei Mal war er zuvor mit seinem Haushalt vor dem Verfassungsgericht gescheitert. Die Schulden des Landes Nordrhein-Westfalen stie- gen während seiner Amtszeit – trotz Aufschwungs – um gut 40 Prozent. Walter-Borjans wurde zum „Rekordschuldenminister“. Danach gab er sich als „Robin Hood der Steuerzahler“ und ver- suchte sich mit dem Kauf von Steuersünder-CDs als Wächter ur-sozialdemokratischer Tugenden zu profilieren. Dieses Profil
versuchte er auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt zu pflegen: Der ehemalige Kölner Stadtkämmerer verdingte sich als Buchautor („Steuern – der große Bluff“) und tourte durch ganz Deutschland. In Berlin ist er indes kaum vernetzt. Es geht das Gerücht um, dass er sich nach seiner Wahl zum SPD-Chef erst einmal – wie Lobbyisten und Praktikanten – eine Nummer zie- hen musste, um in der Ausweisstelle des Bundestages überhaupt eine Zugangsberechtigung zu bekommen.
Auch die andere, Saskia Esken, galt in Berlin als unbeschriebe- nes Blatt. Sie gehört seit 2013 dem Deutschen Bundestag an. Große Spuren hinterließ die 58-jährige Digitalpolitikerin bisher nicht. Die dreifache Mutter aus dem Nordschwarzwald koket- tiert gerne damit, dass sie sich von der Paketfahrerin zur Infor- matikerin hochgearbeitet habe. Vorher war sie Vizechefin des Landeselternbeirats in Baden-Württemberg, dessen Arbeit sie gerne als gute Vorbereitung auf das Amt der SPD-Vorsitzenden bezeichnete. Beide, SPD und Landeselternbeirat, sind wohl ähn- lich schwierig zu führen. Über die von Esken im Landeseltern- beirat gewählten Methoden berichteten ehemalige Mitarbeiter im ARD-Magazin „Kontraste“. Nun geht Esken mit juristischen Mitteln gegen den Bericht vor. Dass sie des öfteren aber robuste Umgangsformen gegenüber anderen an den Tag legt – „Schwert- gosch“ würde man wohl auf Schwäbisch über sie sagen –, dem würde sie wohl nicht widersprechen.
Raus aus der GroKo
So waren auch die Ansagen der beiden im SPD-internen Wahl- kampf deutlich. Im Chor mit ihrem Strippenzieher, dem Juso-Chef
Bei uns in NRW 01/20
























































































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