Page 26 - Bei uns in NRW - Das Magazin der CDU Nordrhein-Westfalen
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  12 | Gastbeitrag
                     WIRTSCHAFT IM WANDEL
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Die Digitalisierung als zentraler Treiber für Massenarbeits- losigkeit? Sollte man sich dieser düsteren Prognose an- schließen? Ist der technologische Fortschritt eine Bedro- hung für unsere Arbeit? Ich halte dagegen!
Die Geschichte der Industrialisierung ist in der Tat eine Geschichte der Automatisierung. Mit jeder weiteren Fort- schrittsstufe von der Ersten bis zur Dritten Industriellen Revolution wurden von Menschenhand gefertigte Arbeits- schritte nach und nach automatisiert. Der Mensch wurde Schritt für Schritt entlastet, körperlich schwe-
re, zum Teil gesundheitsgefährdende Tätigkeiten von Maschinen über- nommen. Allerdings hat die zu- nehmende Industrialisierung nie
zu struktureller Arbeitslosigkeit geführt, sondern dazu, dass sich Arbeitsinhalte verschoben ha-
ben. Viele Jobs von früher gibt es heute nicht mehr. Dafür sind neue entstanden. Weniger schweißtrei- bende und monotone Fließbandar- beit, dafür mehr Wissensarbeit und Jobs im IT- und Dienstleistungssektor.
Dem Menschen ist bis heute nicht die Arbeit ausgegangen, sei- ne Aufgaben allerdings haben sich stark gewandelt. Ge- wandelt haben sich demzu-
folge Qualifikationsanfor- derungen. Und darin liegt der Schlüssel für die Vorbe-
reitung auf den Wandel in Wirtschaft und Arbeit: Digitale Bildung, Aus- und Weiterbildung für alle Qualifikationsstu- fen – und zwar entlang der gesamten Erwerbsbiographie. Wir brauchen kein bedingungsloses Grundeinkommen, son- dern lebenslanges Lernen!
Die Zuversicht, Wirtschaft und Arbeitnehmern etwas zuzu- trauen: Das Interesse, wissensdurstig zu bleiben, sich per- manent weiterzubilden und digital am Ball zu bleiben. Das Vertrauen auf die Befähigung und die Verantwortung des Einzelnen hat immer Vorfahrt gegenüber dem vorschnellen Rückgriff auf die Solidargemeinschaft! Zumindest kleinen und mittelständischen Unternehmen kann mit staatlicher Finanzierung bei Bedarf dabei geholfen werden, das Können und Wissen ihrer Mitarbeiter digitalisierungsfest zu ma- chen. Steuerliche Absetzbarkeit schafft einen zusätzlichen Anreiz. Bundesweite Gründerstipendien nach NRW-Vorbild und der bessere Zugang zu Wagniskapital erzeugen das in- novationsfreundliche Klima, das wir brauchen, um unsere Betriebe im digitalem Wandel wettbewerbsfähig zu halten. Neue Technologien sind eine Chance, keine Bedrohung! Wir
alle nutzen sie täglich und sollten darauf vertrauen, dass sie unser Wirtschafts- und Arbeitsleben einfacher und
flexibler machen.
Diese Flexibilität sollte sich in den Regeln für unser Wirtschafts- und Arbeitsleben wiederspiegeln. Wir brauchen ein flexibles Arbeitszeitgesetz, das eine bessere Work-Life-Balance, eigenverantwortliches und mobiles Arbeiten von Zuhause aus oder in sog.
Co-Working-Spaces ermöglicht. In Zeiten digitaler Arbeit brauchen Arbeitnehmer mehr Zeit- und Ortssouveränität und Betriebe keine bü- rokratischen Fesseln, die sie in ein Korsett zwängen. Eines der Tech- nologieversprechen der Digita- lisierung ist das Versprechen für mehr Flexibilität. Lassen Sie uns dieses Versprechen zu eigen machen. Zukunft wird aus Mut und Zuver- sicht gemacht, nicht aus
düsteren Prognosen.
   Bei uns in NRW 03/19
Hendrik Wüst
Landesvorsitzender der MIT
Foto: Sondermann














































































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