Landeskommando Nordrhein-Westfalen
Es sind Sätze, die hängen bleiben. „Wir sind zwar nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden.“ Oder: „Abschreckung funktioniert nur, wenn man ein Risiko für den Gegner ist.“ Beim Besuch des Netzwerks für Soldaten der CDU Nordrhein-Westfalen im Landeskommando NRW (LKdo NW) wird schnell klar: Die Debatte über Sicherheit, Verteidigung und gesellschaftliche Widerstandskraft ist längst keine abstrakte Diskussion mehr. Sie ist konkret geworden.
Der Landtagsabgeordnete Gregor Golland, Vorsitzender des Netzwerks, war mit Vertreterinnen und Vertretern des Netzwerks am 26. Mai 2026 zu Gast beim Landeskommando Nordrhein-Westfalen. Der Besuch führte tief hinein in Fragen, die Deutschland seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine neu beantworten muss: Wie verteidigungsfähig ist unser Land? Wie belastbar sind unsere Strukturen? Und wie groß ist der Wille, Freiheit und Sicherheit nicht nur zu erwarten, sondern auch selbst zu schützen?
Golland brachte den Kern der Debatte früh auf den Punkt. Die Zeitenwende, sagte er, müsse „im Kopf stattfinden“. Es gehe diesmal nicht allein ums Geld. Panzer, Drohnenabwehr und Munition seien wichtig, aber sie nützten wenig, wenn eine Gesellschaft nicht bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. „Sie sind Botschafter in die Zivilgesellschaft“, sagte Golland mit Blick auf die Soldatinnen und Soldaten des Landeskommandos. Genau diese Brückenfunktion sei entscheidend: Zwischen Truppe und Bevölkerung, zwischen sicherheitspolitischer Realität und öffentlichem Bewusstsein.
Für Golland gehört dazu auch die Debatte über ein Pflichtjahr für alle. Ein Jahr für die Gesellschaft, argumentierte er, sei zumutbar. Dahinter steht eine größere Frage: Bin ich verteidigungswillig? Nicht als Parole, sondern als persönliche und gesellschaftliche Selbstprüfung.
Im Landeskommando wird deutlich, was diese Frage praktisch bedeutet. Hier geht es um das Scharnier zwischen Bundeswehr und ziviler Welt, Ansprechbarkeit, Schnittstellen, kurze Wege. Im Ernstfall zählen nicht nur Befehle und Pläne, sondern Menschen, die einander kennen. Vor der Krise, so die Botschaft, müssen die entscheidenden Köpfe miteinander gesprochen haben.
Nordrhein-Westfalen spielt dabei eine besondere Rolle. Rund 28.000 Soldatinnen und Soldaten sowie weitere 12.000 zivile Angehörige der Bundeswehr leisten in NRW ihren Dienst. Zugleich ist NRW Industriestandort, Verkehrsknotenpunkt und Heimat zahlreicher Einrichtungen kritischer Infrastruktur. Wasser, Strom, Server, Kraftstoff, Banken, Kraftwerke, Abfallwirtschaft, Lebensmittelversorgung — all das muss im Krisenfall funktionieren. Sicherheit beginnt nicht erst an der Grenze. Sie beginnt auch am Umspannwerk, im Krankenhaus, auf der Autobahnbrücke und im Lagezentrum.
Brigadegeneral Müller, der Kommandeur des LKdo NW, sprach mit der Erfahrung von 44 Dienstjahren. Er habe erlebt, wie Strukturen abgebaut wurden, die heute wieder gebraucht werden. Die Bundeswehr müsse unter Hochdruck aufwachsen, sagte er. Das Ziel der NATO sei Abschreckung. Aber Abschreckung ist kein theoretischer Zustand. Sie muss glaubwürdig sein.
Dazu gehört Personal. Seit 10 Jahren sei die Bundeswehr wieder gewachsen. Doch die Herausforderungen in der Personalgewinnung bleiben erhalten. Die NATO-Erwartungen liegen hoch: 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten und 200.000 Reservistinnen und Reservisten.
Müller machte keinen Hehl daraus, wie schwierig der Weg ist, Reservisten zu gewinnen. Dies sei auch deshalb kompliziert, weil das Prinzip der doppelten Freiwilligkeit bislang noch gelte: Der Reservist muss wollen und der Arbeitgeber muss zustimmen. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen. Kritische Infrastruktur muss geschützt, Logistik aufrechterhalten, Personal verfügbar gemacht werden. Gerade in einem Land wie Deutschland, das im Ernstfall zur Drehscheibe Europas würde.
Was das bedeutet, wurde am Beispiel der „Drehscheibe NRW“ als Teil des Operationsplans Deutschland erläutert. Deutschland wäre im Bündnisfall nicht Randgebiet, sondern Transit-, Versorgungs- und Unterstützungsraum. Truppen würden nach Osten verlegt, Flüchtlingsbewegungen könnten nach Westen führen. Straßen, Schienen, Brücken, Häfen, Krankenhäuser und Verwaltungsstrukturen würden gleichzeitig höher belastet.
Die Zahlen machen die Dimension greifbar: Bis zu 800.000 NATO-Soldatinnen und -Soldaten müssen innerhalb von 180 Tagen Richtung Osten verlegt werden können. Für Deutschland bedeutet das Host Nation Support, Military Mobility und enorme logistische Anforderungen. Täglich müssten Tausende Menschen, Fahrzeuge und viele Tonnen Material bewegt werden. Hinzu kommt medizinische Versorgung für bis zu 1.000 verwundete Soldatinnen und Soldaten pro Tag und Division.
Es sind keine Planspiele im luftleeren Raum. Hybride Angriffe finden bereits statt: Cyberattacken, Spionage mit Drohnen, gezielte Verunsicherung, russische Schiffe in der Ostsee. „Spürbarer Frieden ist in Gefahr“, heißt es an diesem Tag. Die alte Gewissheit, von Freunden umzingelt zu sein, trägt nicht mehr.
Und doch war der Besuch kein düsteres Lagebild. Immer wieder klang auch ein anderer Ton an: Es sei viel passiert. Das Glas sei halb voll, sagte Brigadegeneral Müller. Die „Brigade Litauen“ mit 5.000 Soldaten an der NATO-Außengrenze, neue Fähigkeiten wie zum Beispiel die Drohnenabwehr, die Ausarbeitung des Operationsplans Deutschland, die Unterstützung der Ukraine — all das zeigt: Deutschland bewegt sich.
Am Ende bleibt die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Besuchs: Verteidigung ist nicht allein Sache der Bundeswehr. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie betrifft Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Ehrenamt und jeden Einzelnen. Engagement für die Gesellschaft, so wurde es formuliert, müsse ein staatstragendes Ziel sein.
Das Netzwerk für Soldaten der CDU NRW will deshalb den Austausch mit der Bundeswehr fortsetzen und weitere Dienststellen besuchen. Denn wer über Sicherheit spricht, muss die Orte kennen, an denen sie organisiert wird. Und die Menschen, die dafür Verantwortung tragen.
Die zentrale Frage dieses Besuchs reicht weit über Kasernentore hinaus: Ist Deutschland bereit, sich vorzubereiten, bevor es zu spät sein könnte?

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